Samstag, 15. November 2014

Hallo Faszientrend - wo willst du überhaupt hin?



In jüngerer Zeit nimmt der Faszienboom immer mehr an Fahrt auf. Nicht zuletzt ist es dem Engagement von Robert Schleip zu verdanken, dass immer mehr TV Sender über diese spannende Materie berichten.

Dass sich gleichzeitig viele Resteverwerter auf den Zug werfen, um von der aktuell durchs Dorf getriebenen Sau auch noch ein Stückchen abzubekommen, ist nachvollziehbar und irgendwo auch verständlich.

Zwischen zwei Kliententerminen grüble ich nun gerade über diese Entwicklung. Da wird mit Faszienrollern auf schmerzenden Faszien gerollt, die jetzt für wirklich alles verantwortlich sind, einzelne Faszien werden mit speziellem Faszientraining belastet, damit sie sich erneuern, und bildgebende Verfahren zeigen, wo genau eine Faszie nun Probleme hat. Soweit so gut. Wo ist nun ihr Problem Herr Beckmann, fragt man sich da als Leser vielleicht. Klingt doch gut.

Als ich vor etwas mehr als 10 Jahren in die Welt der Faszien eintauchte, ging es mir um ein ganzheitliches und funktionales Bewegen. Bewegen, wie es von der Natur bzw. unserer Anatomie vorgesehen ist, leicht, aufwandslos, wie wir es oft noch bei Kindern oder wenigen erwachsenen Ausnahmetalenten sehen. Faszien, die durch falsche Nutzung verklebt, verkürzt, verdickt oder verletzt sind, hindern uns an dieser Freiheit. Schuld sind wir selbst. Festgebacken in diesem nun unfunktionalem Körper entstehen zahlreiche Probleme, die durch Überlastung oder falsche Nutzung entstehen.

Mein persönlicher Ansatz war es immer, an Faszien zu arbeiten, um meinen Klienten wieder die Freiheit zu geben, die ihnen die Möglichkeit gibt, sich wieder funktional zu bewegen. Also ein ganzheitlicher und durchaus präventiver Gedanke.

Die Richtung, die der aktuelle Faszientrend einschlägt, wird jedoch eine immer symptomorientiertere. Vielleicht liegt es an der Tendenz der von mir sehr geschätzten Kollegen des Rolfings nach Anerkennung der Schulmedizin zu gieren. Vielleicht liegt es an der Tendenz der Wissenschaft, die Welt in einfachen Modellen und replizierbaren Versuchsaufbauen darstellen zu wollen. Für mich entsteht der Eindruck, dass hier aus "ganzheitlich" immer mehr "symptomorientiert" wird, dass das allumspannende Fasziennetz, in dem alles alles komplex beeinflusst, plötzlich isoliert ist. Sie haben Probleme mit der Lumbarfaszie? Dann rollen sie doch ein bisschen drüber oder kräftigen sie die Faszie mit diese Fitnessübung (wir wissen, dass es an der Achillessehne funktioniert, am Rücken ist es sicher genauso).

Warum dort Probleme entstehen und wie jemand verhindern kann, dass diese Probleme entstehen interessier plötzlich nicht mehr. Schaut man bei YouTube, sieht man plötzlich völlig unbewegliche "Faszientrainer" mit Rollen hantieren und rundrückige Therapeuten Schmerzen mit Instandfaszientechniken beseitigen. Ständig kommen neue Produkte auf den Markt, mit denen man an den Symptomstellen selbst rumdoktern kann. Ohne jeden Plan von Zusammenhängen im Körper. Körperstruktur und funktionales Bewegen ist für die Erben von Frau Rolf scheinbar nicht mehr wichtig, Funktionalität oder myofasziale Meridiane, wie sie Tom Myers beschreibt, egal.  Jetzt werden Symptome behandelt. Der zusammenhängende Kontext geht verloren. Physiotherapeuten und HPs werden in Wochenendkursen zu Faszienspezilisten, wobei man sich bei einigen wünscht doch lieber mal selbst auf die Liege zu gehen. Mit einzelnen an sich unnützen Bewegungen werden Faszien nun trainiert ohne dem Menschen eine Idee zu geben, wie er sich denn im Alltag sinnvoll bewegen könnte. Übungsweltmeister.

Bei aller Freude über den aktuellen Trend komme ich nicht drum herum, das eine oder andere Tränchen zu verdrücken. Was könnten wir erreichen, wenn dieser Trend, diesen Drive, dazu führen würde, dass mehr Menschen sich ganzheitlich mit ihrer Körperstruktur und Bewegen beschäftigen würden, statt das Thema Faszien wie die Spritze als Symptombehebung zu sehen und ansonsten alles beim Alten zu lassen. Denn wenn der Weg weiter so beschritten wird, kommen wir genau dort hin: Die Tablette, die Spritze oder die OP für die Faszie. Die alte Methodik mit neuem Logo.

Ich weiß dass es viele Kollegen gibt, die das ähnlich sehen. Rolfer, Feldenkraisler, Bewegungslehrer, Sensomotoriker und welche Flagge sie auch halten mögen. Mit jedem Menschen, den wir auf die Veränderungsreise bringen, verbessern wir die Welt ein Stück. Each One, teach One. Trend hin oder her. ;-)

Gedanken zwischen zwei Klienten.

Kommentare:

  1. Lieber Dirk, so sieht es aus...

    Dennoch sind Trends eben Trends, weil sie sich etablieren.
    Selbst die VHS ist froh, wenn jemand Angebote macht, in denen das Wort "Faszien" vorkommt. Egal was.

    Hier hilft wie immer: Schön in der Spur bleiben und sich selbst zum Trend machen in seiner Sache :)

    Kollegiale Grüße

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  2. Yupp :-) gute Arbeit leisten macht sowieso unabhängig von Trends ;-)

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  3. 'Hallo Dirk, es ist immer erfreulich und beruhigend zu sehen dass es auch noch gesunden kritischen Menschenverstand jenseits von profil neurotischen Auftritten gibt.

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  4. Hallo Anonym :)
    Vielen Dank für das schöne Feedback.

    Ich halte mich selbst zwar noch für ganz weit weg von Profil-Neurosen-Freiheit :o) bemühe mich aber kontinuierlich daran zu arbeiten :-) und freue mich derweil, wenn viele Menschen das Thema Faszien auf dem Schirm haben und viele fähige Kollegen dafür sorgen, dass diese dann auch etwas bekommen was sie wirklich weiter bringt ;)

    Bis dahin schonmal frohes Fest und guten Rutsch ;)

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