Montag, 30. September 2013

Was bedeutet alt werden? Und was bedeutet es nicht?


In einer Gesellschaft, in der der Ruhestand erst im ziemlich fortgeschrittenen Alter winkt, machen sich viele Menschen zu Recht Gedanken darüber, wie sie möglichst lange fit und gesund bleiben können. In der Realität beginnt für viele der Alterungsprozess tatsächlich oft spürbar schon mit dem Ende der „Twens“ also Ende zwanzig. Vielleicht kennen Sie das. Das Gefühl, sich schlechter bewegen zu können, weniger Bewegungsspielraum zu haben und verletzungsanfälliger zu sein. Vielleicht haben Sie sich auch das eine oder andere Mal beim Blick in den Spiegel gesagt: „Mit der Strammen Haltung ist es auch vorbei“.  Es kommen die ersten Wehwehchen, aus stolz geschwellter Brust wird ein ansehnlicher Rundrücken und Bewegen funktioniert ohne Verletzungen erst nach langer Aufwärmphase. „Ganz klar“ werden Sie denken „das ist das Alter!“ Aber ist das wirklich so?


Sie ahnen es bereits: Ich würde mir nicht die Mühe machen und diesen Artikel schreiben, wenn es tatsächlich so wäre. Natürlich gibt es viele natürliche Prozesse, die uns altern lassen. Fehler bei der Zellteilung, Umwelteinflüsse, der Hormonhaushalt und und und. Manche Effekte treten aber auf lange bevor es „natürlich“ ist. Auch hier spielen die ominösen Faszien eine bedeutende Rolle. Wenn Sie großes Interesse an diesem Material haben, dann schauen Sie doch einmal hier vorbei. Für diesen Artikel beschränken wir uns auf das Notwendigste.

Mein Kollege Gil Hedley aus den USA hat 2005 einen schönen Kurzvortrag im Netz veröffentlicht, genannt „The Fuzz Speach“. Ich habe den YouTube Clip hier eingefügt. Wenn Sie schwache Nerven haben, dann bleiben Sie hier, denn Gil zeigt einige Faszieneffekte an menschlichen Kadavern.




Im Wesentlichen geht es in diesem anschaulichen Clip um folgenden Effekt. Faszien, die Muskeln umhüllen (unter anderem), bilden untereinander Gleitflächen. Sie sorgen dafür, dass so gut wie keine Reibung entsteht, wenn ein Muskel sich bewegt und der Nachbar sich nicht mit bewegt. Ohne gut funktionierende Faszien würde Reibung und Reizung entstehen, was am Ende in einem entzündlichen Prozess enden würde. Viele Menschen mit Impinchment Syndrom, Sehnenscheidenentzündung  und anderen unschönen Hobbys kennen das. Das Schmiermittel zwischen den Faszien ist die Lymphflüssigkeit. Wenn Sie sich nun abends ins Bett legen und schlafen, beginnt ein Prozess, der Fibringerinnung heißt. In normaler Sprache bedeutet dieser Begriff, dass ein Enzym in der Lymphe dafür sorgt, dass Ihre Faszien aneinander „pappen“. Gil nennt das Ergebnis „Fuzz“.  Das passiert allerdings nur bei „Stehenden Gewässern“, also wenn keine Bewegung vorhanden ist.  

Wenn Sie also am nächsten Morgen aufwachen, dann haben sich an unzähligen Stellen kleine „Verfilzungen“ gebildet. „Furchtbar!“ denken Sie? Nun eigentlich nicht, denn das ist ein vollkommen normaler Prozess. Normalerweise entgegnen Mensch und Tier diesem Prozess indem Sie sich ausgiebig recken und strecken. Sicher haben Sie das bei Kleinkindern oder Haustieren schon öfter beobachten können. Auf diese Weise werden leichte Verfilzungen und Verbindungen der Faszien untereinander wieder gelöst. Neue Lymphflüssigkeit fließt zwischen Faszien und das Ganze läuft wieder wie „geschmiert“. Wenn Sie sich jetzt an die eigene Nase packen, dann werden Sie aber sicher auch zugeben, dass es mit dem eigenen Recken und Strecken nicht so weit her ist. Vielleicht strecken Sie noch Ihre Arme aber was ist mit Becken, Beinen, Füßen? Keine Zeit. Ab zum Zähneputzen und zur Arbeit.  Und auch dort ist Ihr Bewegungsspektrum wahrscheinlich eher gering. Das bedeutet, dass sich die kleinen leichten Verfilzungen nicht lösen. Und jeden Abend beginnt das Spiel von vorn. Schicht und Schicht kommt hinzu bis es irgendwann nicht mehr möglich ist, durch eigenes Bewegen diese Filzschichten voneinander zu trennen. Dieser Kreislauf führt zu dem Effekt, den wir als „Altern“ wahrnehmen. Ihr Körper verhärtet immer mehr und wird gleichzeitig immer anfällig für Verletzungen. Haben Sie schon einmal ein Kleinkind gesehen, dass sich vor dem Sprint über den Spielplatz warmmachen musste? Oder eine Gazelle, die den Löwen kurz vor der Attacke um ein paar Minuten zum Aufwärmen bittet? Wahrscheinlich nicht. Hier hat sich kein Filz aufgebaut, der Körper funktioniert noch geschmeidig und flexibel. 

Die gute Nachricht ist, dass - auch wenn Sie selbst im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr bewegen können – ein fähiger Fazientherapeut Ihnen helfen kann, diese Verfilzungen loszuwerden. Tatsächlich lässt sich dieser falsche Alterungseffekt in weiten Teilen sogar umkehren.

1 "normales" Altern? - 2 "unnormales" Altern?

Gleiches gilt für einen weiteren „Alterungesprozess“. Wir halten es für vollkommen selbstverständlich, dass wir mit zunehmendem Alter immer gebeugter und krummer durch die Gegend laufen. Ein Rundrücken ist für uns sozusagen ein Symbol des Alters, das wir auf große Entfernung erkennen. Leider verstecken sich hinter diesen optischen Alterszeichen oft erst 30jährige Menschen, die sich tatsächlich noch ganz anders bewegen können müssen. Auch hier liegt die Ursache in einem falschen Benutzen des Körpers. Zum Teil passen wir uns an Bürotische, Autositze oder Wohnzimmersitzecken an, die uns einladen immer mehr zurück in Richtung Embrionalhaltung zu morphen. Zu einem anderen Teil formen wir selbst kräftig mit indem wir in Fitnessstudios oder beim Sport unseren Körper nach einem trendigen Ideal formen, das mit funktionaler Realität oft nichts zu tun hat. Wenn Sie diesem Link folgen finden Sie ein Bild von Schauspieler Jason Statham. Ein optisches Ideal und viel Training (man könnte munkeln das eine oder andere Mittelchen auch) haben dafür gesorgt, dass der gute Mann einen extremen Rundrücken hat. Sehr muskulär aber vollkommen unbalanciert dieser Körper. Die Fläche der Körperfront ist viel kleiner als die des Rückens. Das sieht selbst der Laie. Ich würde Herrn Statham dringend empfehlen einen Termin bei mir zu machen. Also Jason, falls du das hier liest ;-) 

Aber auch dieser Prozess lässt sich in weiten Teilen wieder umkehren, wenn man denn weiß wie. Sie haben oben sicher richtig vermutet, dass Bildserie 2 die Realität ist. Die Dame scheint sich innerhalb eines halben Jahres der Zusammenarbeit also deutlich verjüngt zu haben. Das klingt paradox. Ich sehe es aber eher so, dass ein Körper, der von all den Verfilzungen durch falsche Nutzung und zu wenig gutem Bewegen befreit wurde, wieder so aussieht und sich anfühlt wie er sollte. Manchmal ist der Beruf des Faszientherapeuten dem eines Bildhauers ziemlich ähnlich: Man bekommt als Arbeitsmaterial einen recht unförmigen Klotz und arbeitet dann die wunderbare Statue heraus, die immer schon in dem Klotz steckte :-) 

In diesem Sinne – Sagen Sie Ihrem Fuzz den Kampf an.    



Kommentare:

  1. Interessanter Artikel, den kurzen Film schaue ich mir heute Abend an.

    Kurze Frage am Rande:
    Die Dame scheint die bei Rechtshändern [ist sie eine?] übliche funktionelle Verkürzung des rechten Beins zu haben, auf den Bildern sieht es sogar recht stark verkürzt aus [Schultervergleich]. Hat die Faszienbehandlung darauf keinen Einfluss, ist das nur gezielt muskulär zu verbessern/auszugleichen?

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  2. Hi Rebekka.
    Danke für deinen Kommentar.
    Die Dame ist definitiv Rechtshänderin, was man bei Bildpaar 2 - die tatsächliche Reihenfolge der Aufnahmen - auf dem Vorher-Bild ganz deutlich sehen kann.
    Der Einfluss der Behandlung ist da, wird hier auf dem Bild aber durch ein Gewohnheitsmuster überlagert. Die Bilder sind die, die die Klientin bekommen hat und wurden nicht extra zu Demozwecken gemacht. Daher "korrigiere" ich absichtlich vor der Aufnahme nichts, damit das Bild so authentisch wie möglich den ganz normalen (neuen) Ist-Zustand zeigt.

    Bei Ihr ist es so, dass die Knie noch etwas zu stark durchgedrückt sind, was aber ein Gewohnheitsmuster ist. Sie kann schon anders, wenn Sie bewusst daran denkt. Der Prozess das in unbewusste Routinen zu integrieren, dauert meist noch etwas länger. Der Rechts-Links Unterschied hat sich bei ihr schon deutlich verbessert, gerade wenn man die Schultern betrachtet. Allerdings zeigt die Arbeit der letzten knapp 10 Jahre, dass es sowas wie perfekte Symetrie im Körper nicht gibt. Wir preferieren immer eine Hand/ein Bein und dadurch ergeben sich leichte Anpassungsmuster. Das ist aber nicht weiter schlimm wenn die Muster nur funktionaler und nicht so sehr fester struktureller Natur sind.

    Der Einfluss lässt sich minimieren je mehr wir uns funktional und vielfältig bewegen. Für die Beine ist der Ballengang, der zB auch dazu führt, dass das rechte Fußgewölbe hier auf dem Bild wieder im Lot stehen wird, sehr wertvoll. Insgesamt auf den Körper bezogen - speziell hier aber auf das Knie-Thema - bewirkt die Zick-Zack-Linie wunder.

    Alles in allem hat sich bei der Dame aber eine Menge getan. Sie war ganz geschockt vom Vorher und hin und weg vom Nachher :) Eigentlich sollte ich mal die Front- und Seiten-Bilder dazustellen, die auch freigegeben sind. Momentan finde ich aber, dass die Bilder (weil ohne BH) nichts im Netz verloren haben.

    ;)
    Beste Grüße aus Düsseldorf

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    1. P.S.: Ich muss dazu sagen, dass hier abseits der Standard-Übungen im Rahmen der manuellen Sitzungen kein zusätzliches Bewegungscoaching im Spiel war. Es gibt Klienten, die nutzen das deutlich intensiver ;))

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  3. Hallo Herr Beckmann,
    Genau so ist es ! Geschockt vom "Vorher" und hocherfreut vom "Nachher und Jetzt!"
    Die Vorher - Nachher Fotos nach der ersten Sitzung waren schon sehr überzeugend. Aber das Endergebnis ist kaum zu glauben. Ich habe zwischen den Bildaufnahmen kein Kilogramm an Gewicht abgenommen, sehe aber 10 kg leichter aus. Als ich die Bilder im Blog gesehen hatte, dachte ich, dass die Betrachter glauben muessen, sie wären bearbeitet.
    Ich kann sagen, dass die Sitzungen mir sehr viel Lebensqualität zurückgegeben haben. Nicht nur dass meine elendigen Rückenschmerzen fast gänzlich verschwunden sind, sondern alle Bewegungen, die mir vorher schwer gefallen sind, haben nun eine gewisse Leichtigkeit. Ich kann wieder taillierte Oberteile tragen ohne dass ein unschöner Rundrücken betont wird, weil er so gut wie nicht mehr da ist. Natürlich hat auch mein Selbstbewusstsein erheblich profitiert.
    Abschliessend kann ich sagen: Ein Glück für mich, dass ich an Sie geraten bin und ich das in meinen Körper investiert habe.

    Viele liebe Grüsse auch an die Familie
    Annette

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  4. Vielen Dank für das ganz tolle Feedback :-)

    Ich freue mich immer wieder, wenn ich an so einer tollen Entwicklung teilhaben darf ;-)

    Liebe Grüße und natürlich auch an die Familie zurück. Frohes Fest und guten Rutsch.

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